Vortrag Christian Thunig: Megatrend No Plastic

18. Mai 2018

Verpackungsrundschau.de:  Kunststoffe recyceln oder vermeiden: Mit diesem Themenkomplex befassten sich Experten aus der Verpackungsbranche aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Gesetzliche Regelungen sind eher mittelfristig zu erwarten. Doch der Druck von Konsumenten wächst. Wer innovative Lösungen präsentiert, hat wichtige Alleinstellungsmerkmale.

“No plastics ist unsere Chance für Nachhaltigkeit – kein Thema der Industrie beschäftigt Konsumenten mehr”, sagte Moritz J. Weig. Im Namen der Weig-Karton GmbH & Co. KG hatte er am 18. April Interessierte eingeladen, über aktuelle Trends zu diskutieren. “Es geht aber nicht darum, Kunststoffe zu verteufeln”, stellte Weig klar. “Wir können jedoch über Alternativen Botschaften in den Markt bringen: Eine Chance zur Positionierung beim Kunden.”

Dies sei bei Kartonagen längst der Fall. Hier nennt Weig nachhaltige Waldwirtschaft, Prozesse im Recycling-Kreislauf und die thermische Verwertung von Resten. “Als Industrievertreter sollten wir Verantwortung übernehmen, unser Ökosystem nicht weiter zu strapazieren.”

Kunst aus Plastikmüll

Auch Stephan Horch ist per se nicht gegen Verpackungen aus Kunststoff. Der Fotograf, Fotokünstler und Aktivist stört sich aber am Verhalten vieler Menschen. “Achtlos weggeworfener Kunststoffmüll landet in Flüssen und schließlich im Meer”, so Horch. Schließlich entstehe Mikroplastik, das sich kaum noch abtrennen lasse.

Beim Paddeln hat er Unmengen an Müll geborgen, in Kunstwerke verwandelt und abgelichtet. Seine Ausstellungen sind Gesprächsstoff weit über Rhein oder Mosel hinweg. Auch Horch stellt eine Trendwende fest: “Viele Menschen interessieren sich für meine Arbeit.”

Für sein Clean River Project fand der Umweltschützer ehrenamtlich Aktive, Sponsoren, Firmen und Schulen, die sich beteiligen möchten. Was können Hersteller lernen? Konsumenten gehen mit offenen Augen durch ihren Alltag. Sie bewerten Produkte immer kritischer unter nachhaltigen Gesichtspunkten. Wer in seiner Freiheit die Natur säubert, wird auch beim Einkaufen bewusst auf Verpackungsmaterialien achten.

Ethik als USP für Marke, Kommunikation und Verpackung

Diesen Gedanken bestätigt auch Christian Thunig. Er ist Managing Partner bei der INNOFACT AG Marktforschung. Historisch betrachtet reiche es nicht mehr aus, Grundbedürfnisse zu befriedigen. “Der Mensch schätzt das Schöne, etwa Kunst und Kultur.” Verpackungen spielten wichtige Rolle, etwa bei hochwertigen Whiskeys oder Smartphones – und Marketing sei per se nichts Schlechtes. “Allerdings haben sich Verantwortung und Ökonomie irgendwann voneinander getrennt”, gibt er zu bedenken.

Manche Bereiche der Wirtschaft hätten sich “eigenen Spielregeln verschrieben” und würden zunehmend von Konsumenten kritisiert. “Gerade junge Menschen bewerten Produkte nicht nur unter Aspekten wie Preis oder Qualität.” Für sie werde die Corporate Social Responsibility zunehmend wichtiger.

In dem Zusammenhang nennt Thunig einige Beispiele: Automobilhersteller, die an deutlich sichereren Fahrzeugen arbeiten oder Firmen aus der Fleischverarbeitung, die mit veganen Produkten ihr Sortiment ergänzen. Verpackungen komme ebenfalls eine zentrale Bedeutung zu. “Ethische oder unethische Packmittel – die Verbraucher werden nachfragen”, lautet seine Botschaft. Er sieht Firmenvertreter in der Pflicht, sich selbst ethische Maßstäbe zu setzen.

Im Dschungel der Paragraphen

Das hat folgenden Hintergrund: Nach wie vor tut sich die Bundesregierung bei verbindlichen Regelungen schwer. Zu diesem Fazit kam Rechtsanwalt Klaus Windhagen, Hauptgeschäftsführer des Verbands Deutscher Papierfabriken (VDP), bei seinem Übersichtsvortrag. Im Schnelldurchgang nannte er den aktuellen Stand diverser Initiativen.

Von der Mineralölverordnung existieren mittlerweile vier Entwürfe. Die letzte Fassung vom 24. Februar 2017 befindet sich seit Dezember 2017 in der Ressortabstimmung. Ziel des Gesetzgebers ist, für gesättigte Mineralöl-Kohlenwasserstoffe (MOAH, Mineral Oil Aromatic Hydrocarbons) 0,5 mg pro Kilogramm Lebensmittel als Höchstgrenze festzulegen. Sekundärverpackungen fallen nicht unter die Verordnung, es sei denn, Primärverpackungen haben keine ausreichende Barriere. “Bislang ist es noch zu keinem Notifizierungsverfahren der Europäischen Kommission gekommen”, so Windhagen. Er wartet gespannt, ob Brüssel EU-weite Regelungen fordert.

Genau das ist bei der Druckfarbenverordnung passiert. Ein deutscher Entwurf vom 5. Juli 2016 mit Positivlisten liegt auf Eis. Die Kommission arbeitet selbst an Regularien, bisher ohne erkennbares Ergebnis. “Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft will bei weiteren Verzögerungen auf europäischer Ebene eventuell selbst tätig werden”, sagt Windhagen.

Weitere Baustellen gibt es zur Genüge. Auch das Verpackungsgesetz verwandelte sich “vom Tiger zum Bettvorleger”, moniert der Referent. Geplant war ursprünglich, ein Wertstoffgesetz zu entwickeln, um Recyclingmengen für alle Materialien – speziell für Kunststoffe – signifikant zu erhöhen. Daraus wurde nichts. “Politiker verständigten sich auf eine leichte Steigerung der Recyclingquoten bis 2022 und bekannten sich weiter zum dualen System”, kommentiert Windhagen.

Zur europäischen Sichtweise passt die Strategie aber nicht. Brüssel will im Rahmen einer “Plastikstrategie” Recyclingquoten deutlich steigern und schreibt vor, dass bis 2030 alle Materialien recyclingfähig werden. Kennzeichnungspflichten und Standards für bioabbaubare Materialien sind ebenfalls vorgesehen. Als großes Problem bewertet Windhagen die sortenreine Trennung. “Hier steht die Kunststoffindustrie vor großen Herausforderungen.”

Leben ohne Kunststoff: Selbstversuch teilweise gescheitert

“Konsumenten geht es keinen Deut besser”, berichtet Simone Zippel. Die Klimaschutzmanagerin aus Wedel, wollte wissen, ob es möglich ist, Kunststoff komplett zu eliminieren. Schnell stellte sie fest, dass ihre gesamte Umgebung aus Plastikprodukten besteht. Sie war in erster Instanz gescheitert.

Anstatt zu resignieren, veränderte Zippel das Design ihres Experiments. Im zweiten Anlauf versuchte sie, nur Produkte ohne Plastikverpackung auszuwählen. Das funktionierte schon deutlich besser. Die Klimaschutz-Expertin steuerte Märkte, Frischetheken oder Unverpackt-Läden an. Bei Hygiene-Artikeln wählte sie Kartonagen als Verpackung. Haushaltsgegenstände oder Textilien aus Kunststoff blieben bei diesem Setting aber im Rennen. Zippel steht für eine neue Generation an Konsumenten.

Ihre Erfahrungsberichte schlugen medial hohe Wellen. Jetzt ist die Zeit reif für Innovationen.

Neues aus der Innovations-Pipeline

Dazu ein Blick auf Weig-Karton. Technologie-Leiter Dr. Boris Rotter berichtet von neuen Kartons, die bereits für Tests zur Verfügung stünden. “Außerdem testen wir wasserbasierte Beschichtungen als Barrierematerialien.” Er hofft auf bessere Eigenschaften, um Perforationen oder Fenster in Verpackungen zu schützen.

Im externen und im internen Bereich spielten Daten eine große Rolle. Sie werden je nach Zielgruppe, sprich Kunden, Bediener von Anlagen, Prozess-Ingenieure oder Manager, geeignet aufbereitet. Die Branche sei bereit, auf neue Herausforderungen zu reagieren.

INFO: Nachhaltigkeit, ein Alleinstellungsmerkmal für die Verpackungsbranche

Jahr für Jahr produzieren Deutschlands Konsumenten pro Kopf 37 kg Verpackungsmüll aus Plastik. Durch die unsachgemäße Entsorgung landen große Mengen in Flüssen und Meeren. Pro Quadratmeter Meeresoberfläche fanden Wissenschaftler bis zu 13.000 Kunststoffpartikel. Und António Guterres, Generalsekretär der Vereinten Nationen, vermutet, dass es bis 2050 in unseren Ozeanen mehr Plastik als Fische geben wird.

Angesichts solcher Hiobsbotschaften sind Verbraucher aufgewacht. Sie fordern, Kunststoffe zu recyceln oder zu vermeiden. Gesetzliche Einschränkungen sind fern. Für Verpackungshersteller bietet das Thema Nachhaltigkeit jedoch ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber der Konkurrenz.

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